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Giganten der Urzeit - endlich zurück in die Elbe

Bei Elbkilometer 484, unweit der Fähre Lenzen-Pevesdorf in Brandenburg, wurden im September 2008 erstmals seit über 120 Jahren nachgezüchtete Europäisch-Atlantische Störe (Acipenser sturio) in die Elbe ausgesetzt.

UJLuetzen-Stoer-2Störe finden wir nur auf der nördlichen Halbkugel. 27 verschiedene Arten gibt es, die alle unter dem Schutz des Washingtoner Artenschutzabkommens stehen. Der Europäisch-Atlantische Stör bevölkerte bis vor ca. 100 Jahren fast alle großen Flüsse und die Schelfgebiete vom Schwarzen Meer bis in die Nordsee. Er gilt seit den siebziger Jahren bei uns als verschollen und war in der Bundesrepublik Deutschland Fisch des Jahres 2001.

In den Zuflüssen zur Ostsee dagegen war der Baltische Stör beheimatet, der eng mit dem Nordamerikanischen Atlantischen Stör (Acipenser oxyrinchus) verwandt ist. Im Rahmen eines deutsch-polnischen Programms zur Wiedereinbürgerung wird er bereits seit zwei Jahren in der Oder und ihren Nebenflüssen besetzt.

Störe laichen im Süßwasser der Flüsse, die Jungfische wachsen im Ästuar der Flüsse auf, um nach zwei bis vier Jahren ins Meer abzuwandern. Als laichreife Tiere kehren sie nach 12 bis 17 Jahren in ihren Heimatfluss zurück. Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts war der Stör ein wichtiger Wirtschaftsfisch. Seit dem frühen Mittelalter deckte er einen Großteil des Eiweißbedarfs der Bevölkerung. Auch der damals so sehr begehrte Tafelleim (Hausenleim) wurde u a. aus dem Stör gewonnen. In fast allen Zuflüssen zur Nordsee fing man sehr große Störe in gewaltigen Mengen. Verbrieft sind erhebliche Störfänge aus Elbe, Eider, Weser und Rhein, wobei sogar Fänge in Magdeburg und am Rheinfall von Schaffhausen genannt werden. Anlandungsprotokolle aus Hamburg weisen in den Jahren 1840 -1860 noch Fangmengen von 4.000 bis 8.000 Stören pro Saison aus, für die in Altona eigens eine Störauktionshalle gebaut wurde. Hier war der Name Hagenbeck über viele Jahre hinaus mit der Störvermarktung eng verbunden.

Mit Beginn der Industrialisierung gingen die Bestände dieser gewaltigen Fische in ihren angestammten Laichgebieten zurück. Gründe dafür waren: Überfischung, Verlust von Laichplätzen durch Begradigung der Flüsse und die dramatische Abnahme der Wasserqualität durch die Einleitung ungeklärter Abwässer aus der Industrie und den seit 1860 aufkommenden Wasserklosetts. Zum Ende des 19. Jahrhunderts gingen die Fangzahlen rapide zurück, bis die Fische im 20. Jahrhundert nur noch vereinzelt gefangen wurden. Einer der letzten Fänge war 1992 der westlich Helgolands gefangene so genannte „Kantinenstör", der in der Kantine des Bonner Innenministeriums auf die Speisekarte gesetzt wurde.

UJLuetzen-Stoer-3Bei diesen letzten Fängen handelte es sich aber wahrscheinlich um wandernde Exemplare des letzten Bestandes in Südwest-Frankreich, aus dem Bereich der Gironde. Aus diesem Bestand hat das Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) in Berlin 1996 einige Jungtiere erhalten, um einen Elterntierbestand aufzubauen. Die Tiere wurden mittlerweile zur Laichreife herangezogen. Eine Nachzucht steht aber noch aus. Gleichzeitig wurden in Frankreich einige der letzten Wildfänge und deren Nachzuchten in Haltung genommen, um einen Elterntierbestand für zukünftige Nachzuchten aufzubauen. 2007 konnten bei Cemagref in Bordeaux erstmals eine erfolgreiche Vermehrung durchgeführt und 11.000 Jungfische aufgezogen werden. Das IGB in Berlin erhielt einige hundert Jungfische zur parallelen Anzucht.

Aus diesem Bestand wurden am 4. September 2008 fünfzig markierte Jungstöre in die Elbe entlassen. Einem etwas größeren Weibchen wurde durch die Biologen des IGB ein Sender implantiert. Das Telemetrieboot Acipenser (=Stör) konnte die Signale über Wochen hinweg verfolgen und speichern. Die wissenschaftliche Auswertung dieser Daten lässt im Zusammenhang mit den bereits vorliegenden Fangmeldungen der Elbfischer erste Rückschlüsse über das Verhalten dieser Störe in ihrer alten und doch neuen Heimat zu. Den von allen Beteiligten erwarteten Weg elbabwärts haben die Störe jedenfalls unbeirrt und erfolgreich eingeschlagen.

In diesem Jahr ist in Frankreich erneut eine Nachzucht des Acipenser sturio gelungen. Die Menge von 2007 wurde um fast das Zehnfache übertroffen. So blicken die Gesellschaft zur Rettung des Störs e.V., Cemagref in Bordeaux, das Bundesamt für Naturschutz, die Wissenschaftler, alle Sponsoren und die Unterstützer der Wiederansiedlung des Europäisch-Atlantischen Störs hoffnungsvoll in die Zukunft. Wenn erst einmal unter den Schiffen auf der Unterelbe und in den Nordseewatten Europäisch-Atlantische Störe wieder ihre angestammten Laichgründe in Elbe, Stör und Oste ansteuern, dann haben unsere zwölf Jahre andauernden Bemühungen um die Rettung dieser fast ausgestorbenen Störe nachhaltigen Erfolg gehabt.

Jedem Schipper und seiner Crew wünsche ich den Blick auf einen sich kurz unter der Wasseroberfläche sonnenden - oder in voller Länge aus dem Wasser springenden - gigantischen Stör in einer etwas heileren Welt!

Uwe Jens Lützen

(Veröffentlicht in PIEKFALL, Mitteilungsblatt für die Freunde des Gaffelriggs N° 97 / Nov. 2008, Seite 23 und 24, www.freunde-des-gaffelriggs.de)